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SZ Sonntag
 
Dialog zweier Botschafter, zweier Freunde

So einfach ist interkulturelle Kommunikation: Man nehme einen indischen Sarod-Spieler und einen Schweizer Gitarristen, gewähre ihnen drei Jahre Zeit und voilà, «Anuraag» ist das Resultat. «Die Zusammenarbeit hat auf Anhieb geklappt», sagt Miguel Guldimann, der in Zuchwil wohnt und an der Solothurner Kantonsschule und in Bern am Konservatorium Gitarre unterrichtet. Neuland betraten weder Guldimann noch sein Partner Ranajit Sengupta, als sie im deutschen Würzburg den Grundstein für ihre Kollaboration legten: Guldimann hatte bereits mit indischen Musikern gearbeitet, Sengupta bereits mit europäischen. Wenn der 43-jährige Guldimann heute, drei Jahre später, über Sengupta spricht, ist er voll des Lobes. «Top of top» sei sein indischer Partner und einer der Besten seines Fachs. Nachzulesen ist auch, dass der 39-Jährige aus Kolkata bereits in zartem Kindsalter erste Platten veröffentlichte, seither mit Preisen regelrecht überhäuft wurde und als Professor in Indien und Deutschland unterrichtet.

«Schwierig zu verbalisieren»
Drei Jahre später steht also «Anuraag» vor der Vollendung. Anuraag? «Universelle Liebe» kann man aus dem Sanskrit übersetzen, «Vielfarbigkeit» auch. Das, findet Guldimann, trifft es nicht schlecht: Die verschiedenen Farben des musikalischen Kommunikationsprozesses, dessen Resultat «Anuraag» ist. Vorderhand besteht «Anuraag» vor allem aus elf Liedern, elf Kollaborationen zweier klassischer Musiker. Ende Oktober, wenn Ranajit Sengupta für letzte Aufnahmen in die Schweiz kommt, soll das Werk vollbracht sein – und in möglichst naher Zukunft veröffentlicht werden. Die passenden Worte zu finden für die Beschreibung dessen, was der vielfarbige musikalische Kommunikationsprozess letztlich zutage gefördert hat, fällt Miguel Guldimann nicht einfach: «Das ist schwierig zu verbalisieren.» In der Informationsbroschüre nennt es sich «indisch-europäische akustische World Music». Das heisst freilich viel und doch noch nichts.

Dialog zweier Diplomaten
Guldimann beschreibt das Entstandene dann als das, was es ganz offensichtlich ist: «Eine Begegnung zweier Kulturen mit uns als ihren Vertretern.» Ein Dialog zweier Botschafter also, zweier Freunde auch. So hört es sich an: Gitarre und Sarod kommunizieren, als wären sie alte Bekannte und blind miteinander vertraut. Beide sprechen sie ihre je eigene Sprache und verstehen sich doch, entwickeln im Dialog eine gemeinsame Identität, ohne ihre jeweilige Herkunft zu verleugnen. Harmonisch wirkt das dann und schwerelos, aber nie beliebig. Guldimann und Sengupta sind Botschafter, Diplomaten, die als Musiker ohne die Worthülsen der politischen Sprache auskommen. Und als Musiker gelingt ihnen, was die Politik kaum je leistet: Sie schaffen ein Modell interkultureller Harmonie – eine Utopie gleichsam.

Die Schönheit in der Melodie
«Ich will die Schönheit in der Musik leben», sagt Miguel Guldimann in seinem Zuchwiler Übungsraum. Die Schönheit, die für den 43-Jährigen nicht zuletzt aus der Melodie resultiert. In der zeitgenössischen westlichen klassischen Musik, sagt Guldimann, werde der Melodie zusehends weniger Beachtung geschenkt. «Indische Musiker hingegen schätzen noch den Umgang mit der Melodie.» Seine Zusammenarbeit mit Indern will er indes nicht als Flucht verstanden haben, auch nicht als Abkehr von seinen musikalischen Ursprüngen. Deutlich wird das, wenn Guldimann die Entstehung der «Anuraag»-Kompositionen beschreibt: «Meine grösste Aufgabe in der musikalischen Begegnung ist die, der eigenen Kultur treu zu bleiben.» Ganz einfach sei das nicht, nicht für ihn, auch nicht für Rajit Sengupta. «Manchmal», sagt Guldimann, «ist mein Spiel fast indischer und seines westlicher.» Indische Einflüsse verarbeitet Miguel Guldimann seit jeher: In seiner Jugend nahm er Unterricht auf der Tabla,der indischen Trommel. Seine erste Platte war ein Werk der indischen Sarod-Legende Ali Akbar Khan, eines Lehrers notabene, von Guldimanns heutigem Partner Ranajit Sengupta. Wenn in den nächsten Monaten «Anuraag» veröffentlicht wird, wird sich der Kreis gleichsam geschlossen haben.
 
Samuel Misteli 
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